Technikjournalisten bloggen

Angst vor der Digitalisierung?

Günter Oettinger, EU-Haushaltskommissar, legt sich auf dem Maschinenbaugipfel in Berlin richtig ins Zeug. Das Plädoyer für EU und ein starkes Europa versteht sich ob der Funktion fast von selbst. An die neue Bundesregierung und die anwesenden Maschinenbauer richtet er aber dringliche Appelle: mehr Europa, mehr Invesititionen in europäische Mitglieds- und Nachbarstaaten. Und: Mehr Dialog mit den Menschen, um Technikakzeptanz und Risikobereitschaft zu fördern.

Tendenzielle Technikskepsis in Deutschland

Oettinger spricht von einer „tendenziellen Technikskepsis“ in Deutschland. Eine Einschätzung, die viele in der politischen Landschaft teilen. Nur, ist das wirklich so? Nach den Schreckensbildern auf den Titelseiten von Magazinen wie Spiegel oder FAZ Woche mit Robotern, die Menschen wahlweise entlassen oder Almosen spenden scheinen die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wesentlich ruhiger mit Digitalisierung und Arbeit 4.0 umzugehen. Vergangene Woche veröffentlichten das Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) und XING eine neue Auswertung der Studie „Arbeiten in Deutschland“. Demnach befürchtet nur jeder achte Arbeitnehmer in Deutschland, dass der eigene Arbeitsplatz durch Automatisierung bedroht sein könnte. Das steht im Kontrast zu den auch medialen Aufregungen rund um die Studie der Oxford Forscher Frey und Osborne, die 2013 die Gefährdung von 50% der Arbeitsplätze in den USA beschrieben hatten. Ursache: Digitalisierung, Robotik  und Automatisierung.

Woher kommt die unterschiedliche Bewertung? Die Wahrnehmung von Technik und Technologien ist vielschichtig, aber von einer Technikfeindlichkeit in Deutschland kann nicht gesprochen werden. Diese Einschätzung bestätigen auch Befragungen und Erhebungen unterschiedlicher Auftraggeber. Die Vermächtnisstudie der Wochenzeitung  Zeit bilanziert, dass nur die wenigsten Menschen eindeutige Einstellungen zur Nutzung von Technik haben. Es gebe nicht „die Technik“. Entscheidend sei ihre Bedeutung in spezifischen sozialen Situationen. Die Süddeutsche Zeitung assestiert denn auch und stellt fest, Angst vor Technik sei irrational. Technikkonflikte um Hochspannungsleitungen oder Windkrafträder  werden weniger vor dem Hintergrund technischer Daten ausgetragen, sondern vielmehr weil Bürger gegen den Eingriff in Eigentum und Werte ihrer Immobilien protestieren.

Ingenieure müssen Kontrolle abgeben

Also eine vielschichtige Sachlage. Vielleicht ist es eher eine Frage unterschiedlicher Kulturen. „Ingenieure müssen ein Stück ihrer bisherigen Top-Down-Kontrolle abgeben.“ So formuliert das die Informatikprofessorin Sabina Jeschke. Das falle in einer Ingenieurkultur schwer, die an Nullfehler, Effizienz und Optimierung orientiert sei. Dies stehe den Anwendungen auch von KI im Weg, die vor diesem Hintergrund nur zögerlich Einzug in die Fertigungshallen hielten. Das Karriere-Portal Experteer hatte jüngst in einem Whitepaper die Wertematrix europäischer Spitzenkräfte untersucht. Nach den Kulturdimiensionen von Hofstede stechen Führungskräfte in Deutschland und Österreich durch ihr ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis heraus. Eine Erklärung dafür, dass in der Ingenieurkultur Loslassen und Risikotolereanz erst gelernt werden muss.

Also was tun? Digitalisierung, Automatisierung, Robotik und Künstliche Intelligenz verändern die Arbeitswelt radikal. Was dies für die Gesellschaft bedeutet, welche Verändeurngen in Finanzierung, Arbeit 4.0 oder im Rechtssystem anstehen, muss diskutiert werden. Der Gestaltungsdiskurs Industrie 4.0 ist eine Aufgabe, die die Gesellschaften und die Politik führen müssen. In Berlin, in Brüssel und in den Regionen. Darin ist Oettinger beizupflichten. Die Menschen abholen und mit ihren über die Technologien mit ihren Chancen und Risiken reden.

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Bildnachweis: Günter Oettinger (Marco Lehner)