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Arbeit 4.0: Dirigenten der Wertschöpfungskette

Der Mensch als Dirigent der Wertschöpfungskette. Mit dieser Beschreibung hatte seinerzeit die Industrie versucht, die Wogen rund um das Thema „Roboter vernichten Arbeitsplätze“ zu glätten. Anfang des Jahres hatte noch eine Äußerung des Bitkom Chefs Achim Berg die Branchen aufgeschreckt.

Am Ende der letzten Januarwoche hatte sich der sonst so digitalisierungseuphorische IT-Branchenverband Bitkom auf die Seite der Kassandra geschlagen. Anlass war eine Umfrage mit dem Ergebnis, dass in den kommenden fünf Jahren 3,4 Millionen Stellen wegfallen könnten, weil Roboter und Automatisierungstechnik die Arbeit übernehmen werden. Dieses Umfrageergebnis unterstreicht Bitkom-Präsident Achim Berg in der F.A.Z. mit dem Verweis, dass in den 90er Jahren die IKT-Industrie fast 90 Prozent der Arbeitsplätze abgebaut hätte. Und jetzt, so der Bitkom-Präsident, drohe ähnliches in Banken oder Versicherungen.

Digitalisierungsbefürworter plötzlich als Mahner

Interessant an der Diskussion war, dass mit Bikom erstmals ein Branchenverband, dessen Mitgliedsunternehmen eigentlich von Digitalisierung profitieren, vor drohenden Jobverlusten in einer signifikanten Höhe warnt. Irritiert reagierten dementsprechend der Maschinenbauverband VDMA und die Vertreter der Elektroindustrie von ZVEI. Ausgerechnet die Verbände, deren Kernbereiche, Innovationszyklen und Geschäftsmodelle durch Digitalisierung und Softwarelösungen erheblich verändert, wenn nicht revolutioniert werden. Der VDMA sieht in der Digitalisierung einen „Job-Motor für Deutschland“, so ließ sich der Präsident Carl Martin Welcker zitieren, in der Nettobilanz würden keine Jobverluste durch Digitalisierung zu verzeichnen sein. Digitalisierung als Job-Killer oder als Job-Motor.

Und heute? Mit Beginn der Hannover Messe hat sich der Alarmismus gelegt. Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung, Mannheim, hat Anfang April eine Studie zur Zukunft der Arbeit vorgelegt.  Fazit: Der digitale Wandel schafft mehr Arbeitsplätze als er vernichtet, aber stellt dabei jedoch sowohl an Arbeitskräfte als auch Unternehmen hohe Anforderungen. Damit die deutsche Wirtschaft auch zukünftig wettbewerbsfähig bleibt, so die ZEW-Forscher, sei die Politik gefordert. 

Vor allem Berufe mit Routinetätigkeiten verlören durch Digitalisierung an Bedeutung. Analytische Berufe hingegen wie etwa Softwareentwicklung und Programmierung und interaktive Berufe wie zum Beispiel Human- und Zahnmedizin könnten deutliche Zuwächse verzeichnen. Also doch Job-Motor und alles gut?

Alarmismus ist Vergangenheit – Aufgaben bleiben

Nicht ganz, denn es bleibt einiges zu tun. Die Politik müssen die Mobilität zwischen Arbeitsbereichen fördern und die Arbeitskräfte gezielt auf den Arbeitsmarkt der Zukunft vorbereiten. Es zeichne sich eine wachsende technologische Kluft in der deutschen Betriebslandschaft ab, so die Studie des ZEW. Hätten Betriebe bereits in der Vergangenheit  stark in moderne digitale Technologien investiert, gehörten sie auch weiterhin zu den Vorreitern. Nachzügler fielen aber weiter zurück. Daneben zeige sich, dass Investitionen in digitale Technologien eine steigende Ungleichheit mitverursachen. Profituere: Hochlohn-Berufe und -Sektoren. Dagegen wären durchschnittlich und niedrig entlohnte Berufe und Sektoren zurückfallen im Hintertreffen und würden weiter zurückfallen.