Technikjournalisten bloggen

Augmented Automation: Augmented Reality in der Industrie ist kein Spielzeug

„Augmented Reality wird Einzug in die Automatisierungsbranche halten“, ist sich Stefan Burgtorf von der Firma Alexander Bürkle sicher. Derzeit ist Augmented Reality (kurz: AR) Vielen nur als Spielerei für Game-Nerds ein Begriff. Doch die Technik ist dabei, sich ein seriöses Image zuzulegen beobachtet Fabiane Hörmann.

„Mit Augmented Reality lassen sich die Wartungsprozesse optimiere. Lange Stillstandszeiten und zusätzliche Kosten z. B. durch Reisen können so umgangen werden. Über eine Support-Plattform können unsere Kunden mittels der AR-Brillen auch aus der Ferne eine Wartung gezielt unterstützen. Dadurch ist der Kunde in der Lage die Kosten für Maintenance bis zu 70 Prozent zu reduzieren“, berichtet Burgtorf. Bei einem Maschinenausfall in Taiwan kann beispielsweise ein Experte aus Deutschland über die Videokamera der AR-Brille den Schaden direkt begutachten und die Servicetechniker vor Ort unkompliziert durch die Reparatur lotsen.

Stefan Burgtorf mit einer AR-Brille des amerikanischen Herstellers Realweare. Je nach Geschmack und Tragekomfort gibt es auch AR-„Monokel“. Foto: Fabiane Hörmann

Hinzu kommt, dass AR-Anwendungen auch beim viel beklagten Fachkräftemangel Linderung verschaffen können. „AR-Anwendungen bieten auch die Möglichkeit, Wartungsvideos mitzuschneiden. Wenn man aus Erfahrung weiß, dass ein bestimmter Wartungsvorgang an einer Maschine öfters durchgeführt werden muss, kann ein erfahrener Techniker diese Wartung einmal durchführen und mittels der AR-Brille filmen.

Dieser Film kann dann im Archiv hinterlegt werden, und über die AR-Brille abgerufen werden“, erklärt der Kundenmanager für Augmented Automation. Dadurch müssen nicht erst ehemalige Mitarbeiter immer wieder aus dem Ruhestand geholt werden, weil sich Maschine heutzutage viele mit der Technik, die in diesen alten Maschinen verbaut ist, keiner mehr auskennt.

Mit Augmented Reality zum sexy Unternehmen werden

„Gerade auch kleinere Unternehmer können durch einen relativ erschwinglichen Einstiegspreis mit AR-Anwendungen ein engmaschiges Servicenetz anbieten. Dass macht die Unternehmen nicht nur ‚sexy‘ sondern gibt ihnen auch die Möglichkeit, sich von Mitbewerbern abzuheben“, erzählt Burgtorf. Ähnliche Erfahrungen hat auch Marc Schnierle (Titelbild), vom Virtual Automation Lab der Hochschule Esslingen gemacht: „Bei den größeren Maschinenbauern gibt es einige, die AR-Anwendungen als Mehrwert für den Kunden begreifen und verkaufen. Aber es gibt auch viele kleinere Unternehmen, die AR-Anwendungen nutzen, um gegenüber potentiellen Kunden ihre Innovationskraft darzustellen“.

Neben der Fernwartung lassen sich AR-Anwendungen auch im Schulungsbereich einsetzten: „Ein Unternehmen kann es sich natürlich nicht leisten zehn Roboterarme anzuschaffen, nur um ihren Auszubildenden die Roboterprogrammierung beizubringen. Aber zehn AR-Brillen kann er sich eventuell anschaffen. Die Auszubildenden können dann mit echten Maschinendaten reale Schulungs-Szenarien erleben“, so Schnierle.

Noch Luft nach oben bei der AR-Hardware

Optimierungsbedarf sieht Burgtorf noch bei den Akkulaufzeiten: “Je nach Modell und Hersteller haben die AR-Brillen eine Akkulaufzeit zwischen zwei und vier Stunden. Auch die Ladezeiten variieren je nach Preisklasse stark“. Zu kaufen gibt es AR-Brille ab einem Preis von 500 Euro. Für einen besseren Tragekomfort oder längere Akkulaufzeiten muss man allerdings tiefer in die Tasche greifen. „Die Hardware ist immer noch zu teuer. Und auch bei der Grafikleistung ist noch deutlich Luft nach oben“, meint Georg Wünsch von der Münchener Firma machineering. Auch bei der Infrastruktur ist noch Ausbaubedarf: „Will man z. B. für viele Maschinenteile komplexe Wartungs- oder Reparaturschritte per AR-Anwendung abbilden, braucht man mit einer Cloud-Lösung gar nicht erst anzufangen. Da kann nur ein IPC im Schaltschrank die nötige Leistung bringen“, berichtet Wünsch auf einem Fachvortrag auf der SPS ipc drives.

Eine Cloud kann dafür eine gute Lösung sein, um Wechselbarrieren zwischen den verschiedenen AR-Herstellern zu umgehen, wie Schnierle weiß: „Die geräte-technische Umsetzung ist bei verschiedenen Augmented Reality-Anwendungen sehr unterschiedlich. Die HoloLens von Microsoft programmiere ich mit Sharp, Anwendungen von Apple dagegen mit Swift. Daher ist man immer sehr anwendungs-spezifisch unterwegs. Der Fokus rückt immer weiter weg von dem eigentlichen Inhalt hin zur programmier-technischen Umsetzung. Deswegen arbeiten wir mit einer Edge-Cloud. Über diese können die Daten aus der CAD-Konstruktion mit realen Maschine- und Prozessdaten verknüpft werden. Die gesamten Daten werden dann über einen Webbrowser an die AR-Anwendung übermittelt. Durch die Nutzung des Webbrowsers ist die AR-Anwendung unabhängig vom genutzten Endgerät, da auf der AR-Anwendung nur noch Schnittstellen-Applikationen nötig sind, in die diese Inhalte hereingeladen werden“. Trotz aller Hindernisse zeigt der Einsatz von Augmented Realtiy jedoch, wie in Zeiten von Industrie 4.0 das Zusammenspiel von Mechatronik- und Softwareindustrie einen ungeahnten Mehrwert generieren können.