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Der sechste Kondratjew – wird Industrie 4.0 die nächste Basisinnovation?

Der Mensch ist von Anbeginn dem Wandel seiner Umwelt ausgesetzt und bestimmt in großen Teilen selbst, in welche Richtung die Veränderungen gehen.  Ist es also nicht vorstellbar, aus den vergangenen Veränderungen zu lernen? Oder Regelmäßigkeiten zu erkennen, die uns vielleicht Hinweise auf eine mögliche Zukunft geben? Einer, der sich mit diesen Veränderungen der Welt auseinandergesetzt hat, war der russische Wirtschaftswissenschaftler Nikolaj Kondratjew. Er war einer der ersten Vertreter der zyklischen Konjunkturtheorie, dem „Kondratjew-Zyklus“ – der „Theorie der Langen Wellen“. Die sogenannten Kondratjew-Wellen sind periodische Wirtschaftszyklen mit einer Dauer von 40 bis 60 Jahren. Sie werden von bahnbrechenden Innovationen, den Basisinnovationen ausgelöst und führen zu einem langen Aufschwung in der Wirtschaft. Aktuell befinden wir uns am Ende des fünften Zyklus, der seit 1990 als Basisinnovation die Informationstechnik und somit den Anstieg der globalen wirtschaftlichen Entwicklung einleitete. Als neue sechste Basisinnovation werden unter anderem Themen wie „Industrie 4.0“ und „Big Data“ genannt. Nefiodow, einer der wenigen Wissenschaftler der sich in Deutschland mit den Kondratjew-Wellen auseinandersetzt, widersetzt sich dieser These. Eine Basisinnovation zeichnet sich durch fünf Kriterien aus: Sie besitzt einen Lebenszyklus von 40-60 Jahren, sie beansprucht einen überdurchschnittlich hohen Anteil an den Forschungs- und Entwicklungsinvestitionen, leistet den größten Beitrag zum Wirtschaftswachstum, führt zu einer weitreichenden Reorganisation der Gesellschaft und leistet den größten Beitrag zur Überwindung der aktuellen Wachstumsbarrieren. Die vierte industrielle Revolution ist zwar ein sehr spannendes und wichtiges Thema, aber es erfüllt die genannten Kriterien einer Basisinnovation nicht. In seinem Buch „Der sechste Kondratjew“ vertritt Nefiodow die These, dass die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen und Volkswirtschaften in Zukunft zunehmend von ihrer Gesundheitskompetenz bestimmt sein wird. Basisinnovationen des neuen, des sechsten Kondratjews sind womöglich die Biotechnologie und psychosoziale Gesundheit. Als Prognose für Deutschland sieht Nefiodow „das Industrieland“ weiterhin auf Platz Eins. Die Gesundheitswirtschaft wird dann der mit Abstand größte Wirtschaftszweig und trägt 30 Prozent des Wirtschaftswachstums. Fast jeder dritte Arbeitsplatz wird dann direkt oder indirekt von der Gesundheitswirtschaft abhängig sein. Industrie  4.0 wird zwar mit hoher Wettbewerbsstärke, Innovativen Geschäftsmodellen, Individueller Produktion und flexibler Fertigung das Wirtschaftswachstum ankurbeln, sich aber wahrscheinlich nicht die nächsten 60 Jahre als großen, zukunftsträchtigen Wachstumsförderer etablieren können.

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