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Digitalisierung als Konsequenz oder Ursache?

Die Frage ist falsch – die Frage muss sein: wie bekommen wir Effizienz und Innovation gleichzeitig hin?

Industrie 4.0 hat eine digitale Revolution ausgelöst. Oder andersherum? Digitalisierung ermöglicht erst Industrie 4.0. Aber: Diese Fragen stellen sich nicht. Wichtig ist, ob es die Industrie schafft, die Geschäftsmodelle der digitalen Zeit anzunehmen und den Wandeln vom Standard zur Losgröße 1 zu schaffen. Und gleichzeitig aber die Wertschöpfung über Effizienz als Grundlage noch zu erhalten. Das setzt Flexibilität und Wandel in den Köpfen voraus – im Management und auf dem Shopfloor.

Die Hannover Messe 2016 ist zu Ende. Was bleibt? Zum einen der Eindruck, Industrie 4.0 ist ein bestimmendes Thema in der Industrie. Kaum ein Messestand in den zentralen Hallen der Fabrikautomation, Industrial IT oder Digital Factory, auf dem nicht der Begriff oder ein entsprechender Slogan prominent platziert war. Alle machen schon Industrie 4.0. So bilanziert denn auch die FAZ, die Hannover Messe habe eindrucksvoll gezeigt, dass Industrie 4.0 keine Modeerscheinung sei, sondern eine digitale Revolution ausgelöst habe. Also alles gut?

Nüchterner sehen das verantwortliche CEOs. Im Handelsblatt beschreiben zum Beispiel Till Reuter vom Augsburger Roboterhersteller Kuka AG und Stefan Sommer vom Automobilzulieferer ZF Friedrichshafen AG, Industrie 4.0 als Prozess, der schon lange begonnen hat aber noch einige Jahre bis zur vollen Entfaltung brauchen werde.

Konsens besteht auch in der Einschätzung, dass  durch Industrie 4.0 Produktion vielleicht sogar vollständig wieder zurückgeholt werden kann. Aber das dauere noch ein Jahrzehnt, so Sommer gegenüber dem Handelsblatt. Denn so gläsern und vernetzt manche Fabrik schon sei, die Digitalisierung sei noch nicht vollständig genutzt.

Hermes Award für innovative Kombination von Linux-Technologien

Die Diskussion um Henne oder Ei ist müßig. Wichtig ist, dass die Hauptaufgabe für Unternehmen darin liegt, neue Geschäftsmodelle für sich zu entwickeln und nutzbar zu machen. Von der Hannover Messe waren denn auch zwei Signale in dieser Richtung zu vernehmen: Erstens der Hermes Award ging an ein Produkt, das für KMUs den Zugang zu Industrie 4.0 erleichtern soll. Das Unternehmen Harting aus Espelkamp bekam den Preis für Mica. Mica ist eine offene und modulare Plattform als zentraler Baustein aus eingebetteter Hardware und Software. Im Gegensatz zu sonstigen Lösungen, die auf propiretäre Konzepte setzen, geht Harting hier den Weg über eine innovative Kombination etablierter Linux-Technologien, so die Preisbegründung. Dazu kooperierte der Mittelständler mit IT-Experten aus dem Silicon Valley und startete vor drei Jahren in Berlin etwas Neues. Mutig, wie das Fachpresseportal Elektroniknet befindet. Der Nutzen des Systems Mica bestehe darin, dass es auch nachträglich an Altmaschinen und -geräte angebaut werden kann und so eine intelligente Vernetzung möglich mache. „Durch die Installation einer Vielzahl von vernetzten Mica-Modulen, die quasi das Nervensystem einer digitalisierten Fabrik bilden, kann eine bestehende Fabrik schrittweise nach Industrie 4.0 migriert werden, wobei die Umrüstzeiten für neue Produkte drastisch verkürzt werden können“, lobt denn auch  Prof. Wolfgang Wahlster, Jury-Vorsitzender des Awards und Chef des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz.

Großer Start-up Bereich

Signal zwei der Hannover Messe: Der große Start-up-Bereich. Es ist viel über die Y-ner geschrieben worden. Eines wird aber deutlich. Sie vereint ein kritischer Blick auf kollektive Standards und Hierarchien, die Flexibilität einschränken. Und hier liegen Chance und Herausforderung für die Industrie. Open-Source-Software, lose Netzwerke, Hinterfragen von etablierten Mustern und Standards, das sind die Grundlagen für Geschäftsmodelle im digitalen Zeitalter. Aber sie erschüttern auch die Fundamente der etablierten Industrie am Standort Deutschland. Diese Fundamente gründen auf Standardisierung, von Produkten, von Prozessen, von Software und damit von Geschäftsmodellen. Normen, Standards und Ausrichtung an ERP-Systemen haben jahrzehntelang funktioniert und Werte geschaffen. Die neue und auf absehbare Zeit neben der Effizienzorientierung zusätzliche Aufgabe für Industrieunternehmen heißt: Erkunden von Neuland. Das wird ungemütlich, vor allem da sich durch die Digitalisierung Kapitalverschiebungen ergeben haben. Digitalkonzerne wie Google oder Mircrosoft haben durch ihre neuen Geschäftsmodelle Werte akkumuliert, die ihnen Möglichkeiten bei Mergers&Acqusitions eröffnen, die die Machtverhältnisse verschieben werden. Auf der Hannover Messe war denn auch Microsoft sehr präsent im Bereich der Digitalen Fabrik. Die Hardware kam von deutschen Maschinenbauern, die Intelligenz von Microsoft.

20160425_145144_HMI Microsoft (Bildnachweis: Banholzer) Hannover Messe Digital Factory

Es bleibt viel zu tun im Zeitalter der Digitalisierung. Und leider wird vielen nicht erspart bleiben, viele Aufgaben gleichzeitig anzugehen. Sichern der bestehenden Prozesse und Effizienz sowie Erkunden neuer Plattformen und Geschäftsmodellen. Kooperieren mit jungen Start-ups und diese als gleichwertige Partner akzeptieren. Das verlangt den beteiligten Personen viel ab. Umso wichtiger ist, dass alle diese Herausforderungen annehmen. Vom Management bis zum Shopfloor. Innovations- und HR-Kommunikation unter den Bedingungen der Digitalisierung.

Die Deutsche Messe AG lobt anlässlich der HANNOVER MESSE 2016 zum dreizehnten Mal den "HERMES AWARD - Internationaler Technologiepreis der HANNOVER MESSE" aus. Der Gewinner des Hermes Award 2016 ist: Harting. Im Bild: Philip Harting, Vorstandsvorsitzender, Vorstand Connectivity & Networks, Harting Technologiegruppe

Die Deutsche Messe AG lobt anlässlich der HANNOVER MESSE 2016 zum dreizehnten Mal den „HERMES AWARD – Internationaler Technologiepreis der HANNOVER MESSE“ aus. Der Gewinner des Hermes Award 2016 ist: Harting. Im Bild: Philip Harting, Vorstandsvorsitzender, Vorstand Connectivity & Networks, Harting Technologiegruppe