Technikjournalisten bloggen

Gute Arbeit in Zeiten der Digitalisierung

Wie wird Arbeit aussehen in Zeiten der Digitalisierung? Und: was ist dann gute Arbeit? Diese Fragen stellte sich die Akademie der Technikwissenschaften acatech in München. Arbeitswissenschaft, Start-ups, Automobilkonzern – alle waren sich einig, dass Arbeit in Zeiten der Digitalisierung sich radikal verändern werde. Geschäftsmodelle werden auf den Kopf gestellt, Arbeitnehmer werden mehr Mitsprache, Einfluss und Freiheiten haben. Aber auch mehr Verantwortung, mehr Anstrengung und mehr Unsicherheit. Die beiden Expertinnen und der Experte waren sich einig, die Belastung für den Arbeitnehmer nimmt zu, der Wettbewerb untereinander ebenso aber Digitalisierung biete auch mehr Raum für Selbstverwirklichung, neue Berufsfelder entstünden und  Home-office schaffe mehr Zufriedenheit. Vor allem beim letzten Thema gibt es einen mächtigen Spielverderber.

Alle reden von Industrie 4.0 und die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeitsplätze. Das Szenario der menschenleeren Fabrik scheint einer nüchternen Diskussion gewichen u sein, trotzdem herrscht Einigkeit, dass sich die Arbeitswelt verändern wird. Grundlegend. Anlass für acatech einen Arbeitskreis für Fragen des Personalwesens zu gründen.

Acatech Positionspapier zu Arbeit 4.0 aus dem April 2016.

Acatech Positionspapier zu Arbeit 4.0 aus dem April 2016.

Zentrale Frage: Wie sieht Arbeit 4.0 aus? Aus dem Arbeitskreis, dem Personalverantwortliche zahlreicher Unternehmen aus Deutschland angehören, entstand ein Positionspapier, das die Dringlichkeit des Themas unterstreicht.

Projektarbeit ersetzt Festanstellung

Freelancer, Selbständige, Projektarbeiter. Das seien die kommenden Berufsformen, bilanziert Thomas Lange als Acatech-Verantwortlicher. Geschäftsmodelle würden sich radikal ändern und das binnen der kommenden fünf Jahre. „Dieser Teil der Prognose ist massiv disruptiv,“ so Lange. Dass noch ein weiter Weg zurückzulegen ist, hätten die HR-Verantwortlichen ebenso beschrieben. Die künftigen Herausforderungen: Agilität in der Arbeitsorganisation, Pluralität nutzen nicht nur tolerieren, Mitbestimmung modernisieren und Ambidexterie managen, das heißt die Gleichzeitigkeit des Optimierens alter Geschäftsmodelle und die Umsetzung völlig neuer Ideen. Soweit die Herausforderungen. Aber wie weit ist die Praxis?

Verwaiste Schreibtische als Stellfläche für Pflanzen und Familienbilder

Inga Jürgens, Leiterin Personalpolitik und Personalstrategie bei BMW, unterstrich die Herausforderungen und legte zusätzlich einen Finger in die Wunde. „Die neue Arbeitswelt müssen Menschen auf den Weg bringen, die allesamt keine Digital Natives sind,“ so Jürgens. Sie konnte aber auch etwas trösten. „Das neue Arbeiten hat schon begonnen, das Ganze ist ja ein Prozess.“ BMW habe sich auf den Weg in die neue Arbeitswelt gemacht, in ersten Feldern experimentiert  und sehr gute Erfahrungen gesammelt. Coworking Spaces hätten individuelle Schreibtische abgelöst. „Warum für jeden Mitarbeiter Schreibtische einplanen, die zu 90 Prozent der Zeit verwaist sind und nur als Fläche für Pflanze und Familienbild dienen?“ Werkstattflächen hätten Meetingräume abgelöst, um besprochene Ideen gleich eine Gestalt geben zu können. Großraumbüros mit Ruhezonen würden das fachübergreifende Zusammenarbeiten erleichtern und Kreativität und Innovationen fördern.

INga Jürgens, BMW Leiterin Personalstrategie

Inga Jürgens, BMW Leiterin Personalstrategie

In Experimentiergaragen würde sich der Konzern mit Start-ups treffen und vernetzen. Ein wichtiges Instrument sein natürlich das Konzept „mobiles Arbeiten“, vulgo Home Office. Das würde die gefühlte Work-Life-Balance verbessern und die Zufriedenheit merklich steigern. Und das auch, wenn Fragen von Erreichbarkeit, das Verschwimmen von Grenzen zwischen Beruflichem und Privaten wahrscheinlich ein mehr an Belastung brächten, räumt Jürgens ein.

Dem stimmt auch die Arbeitswissenschaftlerin Tanja Schwarzmüller von der TU München zu. In einer Studie befragte sie Digitalisierungsexperten in Unternehmen und die sehen auf die Mitarbeiter einiges zukommen, so Schwarzmüller. Das Arbeitstempo steigt, die Komplexität der Aufgaben nimmt zu, der Grad der Technisierung steigt, die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine wird selbstverständlich. Das das Urteil der Befragten. Tempo und Flexibiltät brächten aber noch Effekte mit sich, die weniger erfreulich seien. Die Unsicherheit steige, mehr Wettbewerb unter den Beschäftigten und die Zukunft werde immer weniger vorhersehbar. Aber immerhin, das Mehr an Teilhabe und eigener Gestaltbarkeit etwa durch Home Office Arbeitsplätze helfe, den Druck in eine positive Stresssituation zu wandeln. Wenn, ja wenn, da nicht der Spielverderber wäre.

Spielverderber Arbeitsrecht 1.0

Die Experten sind sich also einig: Das Bild von Arbeit wird sich wandeln. Neue Tätigkeitsfelder und Berufe werden entstehen. Geschäftsmodelle werden sich radikal ändern. Die Grenze zwischen Privatem und Beruflichem werden durchlässig und verschwimmen. Und das durchaus auf Wunsch der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Ganz Deutschland stellt sich auf neue Arbeitsformen ein. Ganz Deutschland? Nein. Just an dem Tag, an dem sich die Experten bei Acatech treffen, vermeldet Zeit online ein aktuelles Urteil des Bundessozialgerichtes (BSG) in Kassel. Tenor: Wer im Home Office arbeitet und sich auf dem Weg zur Toilette den Fuß bricht, kann nicht von einem Arbeitsunfall ausgehen. Denn die Wohnung werde vom Arbeitnehmer selbst gestaltet und die Berufsgenossenschaft habe darauf keinen Einfluss und könne etwa keine schwarz-gelben Sicherheitsbänder (im Rechtsjargon: präventive, gefahrenreduzierende Maßnahmen) verordnen. Der Weg zur arbeit 4.0 führt derzeit noch über Berufsgenossenschaft und Arbeitsrecht 1.0. Spielverderber.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.