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Industrie 4.0 – Thema in der Chefetage nicht auf dem Shopfloor?

Industrie 4.0 und Mitarbeiterkommunikation

Digitalisierung, Industrie 4.0, Internet der Dinge, das sind die Schlagworte, die die aktuelle Technikagenda bestimmen. Die Trends hätten erhebliche Potentiale für die heimische Industrie, aber natürlich einhergehend mit Mahnungen, Deutschland verliere den Anschluss. Politik, Gesellschaft und Unternehmen mit ihren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern sind aufgerufen, sich auf die neuen Bedingungen einzustellen. Insgesamt kann wohl davon ausgegangen werden, dass Unternehmen sich der technischen und strategischen Herausforderungen bewusst sind und diese angehen. Aber in Unternehmen kommt offensichtlich ein Aspekt zu wenig in das Blickfeld: die Mitarbeiter. So deutet es eine Vorerhebung in der Maschinenbau- und Elektroindustrie an, die im Forschungsprojekt „Gestaltungsdiskurs Industrie 4.0“ am Studiengang Technikjournalismus/Technik-PR der Technischen Hochschule Nürnberg entstanden ist. Industrie 4.0 ist ein Thema für die Chefetage nicht für den Shopfloor. Das könnte zum Problem werden.

Die Bedeutung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für den digitalen Wandel ist unstrittig und oft genug herausgearbeitet. „Mitarbeiter sind von den Veränderungen der digitalen Arbeitswelt maßgeblich betroffen.“ So bilanziert denn auch die aktuelle Studie „Industrie 4.0-Readiness“ der Impuls-Stiftung des Branchenverbandes VDMA. Und: deshalb sei es wichtig, dass Unternehmen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schulen und weiterbilden. Und hier fühlen sich die Unternehmen denn auch sicher und kompetent, so die VDMA-Studie. Auch andere Studien hatten bereits die Bedeutung der Mitarbeiter und die veränderten Arbeitsbedingungen untersucht. Aber: nur in wenigen Unternehmen wird das Thema Industrie 4.0 in der internen Kommunikation aktiv eingesetzt, so bestätigt auch die nicht repräsentative Vorerhebung im Forschungsprojekt der TH Nürnberg.

Die ersten Ergebnisse:

  • Industrie 4.0 ist ein Thema für CEOs und Führungskräfte
  • Aktuelle und potentielle Kunden sind an Industrie 4.0 interessiert
  • Industrie 4.0 ist ein (sehr) wichtiges Thema für die Ansprechpartner in der Politik
  • Mitarbeiter sind kaum verunsichert und interessieren sich eher weniger für das Thema

Befragt wurden Anfang November 2015 die Kommunikationsabteilungen ausgewählter Unternehmen des Maschinen- und Anlagenbaus, der Elektroindustrie und von Herstellerfirmen. Geantwortet haben bis Mitte November rund 50, davon zwei Dritteln mit jeweils mehr als 2000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Inhaber- oder familiengeführte Unternehmen sowie börsennotierte Unternehmen waren gleich vertreten. Alle Unternehmen haben erste oder schon weitergehende Erfahrungen mit Konzepten von Industrie 4.0, zwei Drittel bezeichnen Industrie 4.0 sowohl als wichtigen Bestandteil der Unternehmens- als auch der Kommunikationsstrategie. Und diese Unternehmen kommunizieren Themen zu Industrie 4.0 seit über einem Jahr.

Dabei stehen die Stakeholdergruppen Kunden, Politik und eigene Führungskräfte im Mittelpunkt. Auf die Frage, „Wie schätzen sie die Bedeutung der Kommunikation über Industrie 4.0 für Stakeholder ein?“ antworteten mit sehr wichtig/wichtig: 75% aktuelle Kunden, 68% potentielle Kunden, 81% unsere Führungskräfte, 81% unsere Ansprechpartner in der Politik und nur ein Drittel erkannte darin ein (sehr) wichtiges Thema für die Mitarbeiter in der Produktion.

Diese Einschätzung der Kommunikationsabteilungen spiegelt sich auch in den anderen Antworten wider. 95% sehen in Industrie 4.0 einen wichtigen Aspekt für die Entwicklung des Unternehmens. Dementsprechend ist bei diesen auch das Thema direkt bei der Geschäftsführung verortet und wird als ein wichtiger Punkt für die Führungskräfte beschrieben. Mit Blick auf die Mitarbeiter räumen die befragten Mitarbeiter der Kommunikation dem Konzept Industrie 4.0 nur mäßige Bedeutung ein, denn nur 32% sagen, die Belegschaft sei sehr am Thema interessiert. Und: Verunsicherung nehmen die Befragten in der Belegschaft auch nicht oder kaum wahr. Die Hälfte überhaupt nicht und nur 10% würden die in signifikantem Umfang so sehen. Immerhin bei einem Drittel der Befragten wird bestätigt, dass die Mitarbeiter an den Auswirkungen von Industrie 4.0 auf ihren Arbeitsplatz interessiert seien. Konsequenterweise erachtet nur ein Drittel der Befragten das Thema als wichtig für die Personalkommunikation/HR-Communications.

Offensichtlich schätzen die PR-Manager von Unternehmen die Resonanz auf kritische Studien in ihrer Belegschaft als eher gering ein. Studien des IAB oder der IngDiBa wurden in den zurückliegenden Monaten mit Ergebnissen zitiert, die einen Zuwachs bei qualifizierten Arbeitsplätzen sehen aber eben in Summe auch einen signifikanten Abbau von Arbeitsplätzen. Das Veränderungspotential von Industrie 4.0 für Gesellschaft und Arbeitnehmer sehen alle Befragten als gegeben an. Wobei hier weder Hysterie noch Euphorie vorherrschen. Die Hälfte bleibt angesichts der Veränderungen auch mit Blick auf die Gesellschaft eher gelassen. Einig sind sich alle bei der Antwort, dass sowohl Belegschaft als auch Führungskräfte angesichts der Digitalisierung und Industrie 4.0 neue und andere Qualifikationen bräuchten.

Die erhobenen Daten sind nicht repräsentativ, sie geben aber Anhaltspunkte dafür, wie das Thema Industrie 4.0 in der Kommunikation der Unternehmen eingeschätzt wird und gibt Impulse für weitere Erhebungen. Beispiele für die technische Mitarbeiterqualifikation gibt es einige. So wurde Anfang November auch im Wettbewerb „Deutschland Land der Ideen“ das Bosch Werk Blaichach (Immenstadt, Bayern) in der Kategorie Industrie 4.0 ausgezeichnet. Begründung: In der Fabrik werden die ganzheitliche Digitalisierung erprobt und die Mitarbeiter für den Wandel fit gemacht. Dass dem Thema Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte unterstreichen die Erfahrungen mit Change-Kommunikation in Unternehmen. Denn auch wenn man noch keine genaue Definition von Industrie 4.0 oder gar einen Standard gefunden hat, dass es einen Wandel initiieren wird ist sicher. Und Erfolg im Wandel erfordert Kommunikation. Aus Sicht der Unternehmen eben externe und interne .

 

Links: Die Ergebnisse wurden am 10.11. auf der Konferenz „nexteconomy open“ in Bonn vorgestellt. Ein zusammenfassendes Interview finden Sie hier.

 

Im Forschungsprojekt „Gestaltungsdiskurs Industrie 4.0“ am Studiengang Technikjournalismus/Technik-PR wird die Kommunikation in und von Unternehmen zum Thema Industrie 4.0 untersucht und die mediale Diskussion um Digitalisierung analysiert.
Kontakt: Prof. Volker M. Banholzer volkermarkus.banholzer (et) th-nuernberg.de

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