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Leitmarkt Industrie 4.0 – die Quadruple Helix

Nach der Leitmarktstrategie für Elektromobilität kommt jetzt die Strategie für den Leitmarkt Industrie 4.0. Zumindest ist das das erklärte Ziel der Bundesregierung, die sich das mit dem Antrag der Fraktionen der Regierungskoalition an den Bundestag Mitte November hat absegnen lassen. In der Technologie- und Innovationspolitik für Industrie 4.0 auf das Konzept von Leitmärkten zu setzen, ist sinnvoll, geht es doch über die traditionellen Betrachtungsweisen der Förderung hinaus.

Von der Triple Helix zur Quadruple Helix

In der traditionellen Betrachtung von Innovationspolitik stehen Unternehmen und Wissenschaft im Mittelpunkt, die staatlichen Akteure als drittes Element der Triple Helix wirken zumeist unterstützend. Innovationspolitik konzentriert sich dabei vor allem auf den vorwettbewerblichen Bereich. Je näher an der Marktentwicklung, desto eher kommt der Vorwurf an die Politik, sie verzerre mit ihren Maßnahmen den Wettbewerb. Die staatlichen Maßnahamen galten bislang der Gründung von Clustern oder Plattformen, vor allem um Netzwerkstrukturen zu ermöglichen. Aus das wurde mit Blick auf das Thema Industrie 4.0 in Angriff genommen. Die Plattform Industrie 4.0 ist hierfür nur ein Beleg.

Allerdings stößt Innovationspolitik in diesem Denken an die Grenzen des Markterfolges. Wenn Industrie 4.0 als Innovation Erfolg auf Märkten haben soll, müssen noch andere Faktoren beachtet und die Strategie erweitert werden. Neben Unternehmen, Forschung und Staat tritt mindestens ein vierter Akteur, der für die Umsetzung einer effektiven Innovationspolitik erforderlich ist. In der Innovationsforschung hat man sich noch nicht geeinigt, wer das sein soll. Kunden, Zivilgesellschaft oder Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer kommen in Betracht. Angesichts dessen wird in neueren Ansätzen der Innovationspolitik vom Bild der Quadruple Helix gesprochen. Dass die gerade für das Konzept Industrie 4.0 erforderlich ist, dokumentieren die Einflüsse des Konzepts auf alle Gesellschaftsbereiche. Die Arbeitswelt wird sich stark verändern, Kunden werden vor allem im B2B-Bereich noch stärker in die Entwicklung integriert und die neuen Geschäftsmodelle und Diskussionen um Datensicherheit und IT-Security werden auch neue gesellschaftliche Diskurse erfordern.

Traditionelle Schnittstellen und Vorurteil des schwerfälligen Staates überwinden

Aber: In der aktuellen Innovationspolitik sind diese genannten neuen Akteure kaum präsent. Allgemein akzeptiert ist, dass Innovationen in einem immer wieder rückgekoppelten Prozess zwischen Forschung und Entwicklung sowie zwischen Lieferanten, Kunden und Entwicklung stattfinden. Die Politik konzentriert sich aber immern noch weitgehend auf die eine Rückkopplung zwischen Wissenschaft und Produktentwicklung. Und: Allgemein akzeptiert ist auch das Bild vom Staat als schwerfälligen und bürokratischen Konstruktes etabliert. Dabei weisen inzwischen mehrere Studien auf die positive Wirkung staatlicher Technologieunterstützung hin.

Weder die Innovationen der digitalen Wirtschaft noch die sogenannten grünen Innovationen oder diejenigen, die auf Nachhaltigkeit abzielen wären ohne aktive staatliche Gestaltung entwickelt und umgesetzt worden. Mit dem Konzept Europa 2020 hat zum Beispiel die EU ein Programm aufgelegt, das staatliche Technologie- und Innovationspolitik dazu verpflichtet, einen Beitrag zur Lösung der gesellschaftlichen Herausforderungen wie Mobilitäts-, Gesundheits- und Umweltprobleme oder Herausforderungen des gesellschaftlichen Wandels zu leisten.

Leitmarkt Industrie 4.0

Das Papier der Bundesregierung formuliert das Ziel, Deutschland zum internationalen Leitmarkt und führenden Anbieter für Industrie 4.0 zu machen. Dazu sollen Unternehmensgründer stärker gefördert,  Finanzierungsmöglichkeiten für innovative Firmen verbessert sowie Startups und Industrie besser vernetzt werden. Die anwendungsorientierte Grundlagenforschung soll intelligente Produktionssysteme entwicklen, die Fertigungsanlagen intelligent vernetzen und Dienstleistungen ausbauen und die Arbeitswelten humanisieren. Zudem soll die Aus- und Weiterbildung den Erfordernissen der Industrie 4.0 Rechung tragen.

Das Konzept von Leitmärkten ist angesichts der Herausforderungen durch Industrie 4.0 angemessen. Denn es reicht nicht, wenn Technologieförderung den Rahmen und finanzielle Unterstützung bieten. Dabei geht es nicht darum, dass Politik besser weiß, wie ein Markt funktioniert. Nachdem die gesellschaftlichen Auswirkungen tiefgreifend sein werden, muss Politik die Agenda mitgestalten.

Im Antrag der Fraktionen der Regierungskoalition wird ausdrücklich auf die Vernetzung und gemeinsamen Aktivitäten der verschiednen Regeriungsressorts hingewiesen, die Regierung aufgefordert auf  „interdisziplinäre Zusammenarbeit im Sinne eines soziotechnischen Ansatzes innerhalb der Technikwissenschaften und zwischen Technik, Arbeits- und Qualifizierungsforschung zu achten“. Zumindest der Maschinenbau hat sich für diesen Leitmarkt schon gemeldet und bereits ein Jahr zuvor verkündet, den Maschinenbau in Deutschland als Leitmarkt und Leitanbieter positionieren wollen.

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