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Arbeit 4.0: New Work – new life?

Die Teilnehmer des Arbeit 4.0 Forums trafen sich an verschiedenen Thementischen zu angeregten Diskussionen. (Foto: Lea Otte)

„Arbeit ist die schönste Nebensache der Welt“, betitelt Markus Väth sein Buch und bringt die stereotypische Arbeitsmentalität der Deutschen in einem Satz unter. Aber der klassische „nine-to-five“-Arbeitsrhythmus soll bald der Vergangenheit angehören und es werden schillernde Begriffe, wie New Work und Arbeit 4.0 in den Raum gestellt. Die Bundesregierung fährt hierfür Kampagnen und auch in den Wahlprüfsteinen zur diesjährigen Bundestagswahl findet sich das Thema häufig wieder. „In der beginnenden Legislatur werden die Weichen gestellt“, meint Carl Martin Welcker, der Präsident des VDMA. So recht weiß noch niemand, was es damit auf sich hat. Doch es betrifft fast jeden, wenn Schichtsysteme, Arbeitsumfeld und auch verwendete Kanäle sich verändern. Immerhin verbringt man den Großteil seiner Lebenszeit bei „der schönsten Nebensache der Welt“.

Flexibilität eingrenzen

Die IG Metall fordert daher sichere und selbstbestimmte Arbeitsplätze. Selbstbestimmtheit ist auch für Bastian Bergmann, Geschäftsführer des Startups wattX, essentiell. Er möchte weniger Bevormundung in der Arbeitswelt und findet „es geht alles darauf zurück, den Mitarbeitern Vertrauen entgegenzubringen“. Daher plädiert er für eine Abschaffung von Zeiterfassungssystemen. Sowieso seien „nine-to-five“-Jobs nicht mehr zeitgemäß. Einige sind eben morgens leistungsfähiger, andere abends. „Hauptsache die Arbeit wird erledigt“. Von dieser Selbstverpflichtung geht Bergmann aus und sieht auch das als zentrale Entwicklung. Dafür ist allerdings eine gewisse Identifizierung mit dem eigenen Beruf nötig. Für viele bedeutet das eine Verschmelzung von Arbeit und Privatleben. Nie abschalten zu können gilt noch als gesellschaftliche Krankheit, doch wird die permanente Erreichbarkeit zunehmend normal. Beruf und Privatleben vereinen zu können wird mehr und mehr zu einem Wunsch, statt die strikte Trennung zu fordern. „Die Frage ist: wie definiere ich ‚Beruf‘?“ stellt Bergmann in den Raum und führt auch hier wieder das Vertrauen an. Es müsse einfach Vereinbarungen geben, wann jemand erreichbar sein muss und daran müssten sich alle Beteiligten halten – auch der Chef. Die IG Metall bezeichnet das als „klare Grenze der Flexibilitätsanforderung“ und fordert für diese Entwicklung neue Regeln.

Führung wird vernetzt

„Unternehmen müssen sich in ihrem Führungsstil genauso vernetzen wie die Industrie“, sagt Christian Hopfmüller, Personalleiter der Firma MVTech. Laut Bergmann hat sie vor allem die Aufgabe einen weichen Rahmen für die Flexibilität der Mitarbeiter zu schaffen. Dabei soll keine Bevormundung stattfinden, sondern die Mitarbeiter durch Fragestellungen angeleitet werden. Die Denkprozesse sollen vor allem in interdisziplinären Teams angeführt und die fortschreitende technologische Spezialisierung so durch einen Austausch der verschiedenen Blickwinkel genutzt werden. Digitalisierung fordert also nicht nur den Diskurs, sondern fördert ihn auch.

Wechselwirkung von Technik und Arbeit

Doch bedingen die technischen Neuerungen eigentlich den Fortschritt in der Arbeitswelt? Oder bedingen die fälligen Veränderungen der alten Arbeitsstruktur neue technische Errungenschaften? „Digitalisierung wird Flexibilität ermöglichen und einfordern“, meint Carl Martin Welcker, Präsident des VDMA. Dementsprechend muss die Arbeitswelt reagieren und andersherum ermöglicht sie so Raum für weitere Innovationen. Doch Arbeit 4.0 wird von vielen nicht als Revolution der Flexibilität oder Selbstbestimmtheit wahrgenommen, sondern vielmehr als Versuch des Schönredens einer ernüchternden Zukunftsvision. New Work zeigt, dass die Automatisierung der Industrie auch auf andere Gesellschaftsbereiche Einfluss hat.

Ob Ängste begründet oder unbegründet sind, wird die Zukunft zeigen. Wie schnell die Zukunftsvisionen nun eintreten und die Entwicklungen der Arbeitswelt vor sich gehen, werden maßgeblich von der Politik und dem öffentlichen Tenor der vierten industriellen Revolution bestimmt. Experten sprechen bei der New Work-Bewegung von überfälligen Neuerungen. Und kleine Schritte in diese Richtung sind bereits mit flexiblen Arbeitsplätzen und großzügiger Gleitzeit getan. So wird die wichtige Nebensache „Arbeit“ vielleicht bald doch zu einem offiziellen und anerkannten Teil unseres Lebens. „Man muss Veränderungen als Anlass zum Weiterentwickeln nehmen, statt sie als Rückschritt zu sehen“, appelliert Hopfmüller.

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