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Norwegen: Glücklich mit Industrie 4.0

In Norwegen wohnen laut UN die glücklichsten Menschen der Welt. Und die haben Mitte September 2017 ein neues Parlament gewählt, das auch unter der neuen alten rechtskonservativen Regierung einige Zukunftsaufgaben zu erledigen hat. Weil Norwegen unter dem Preisverfall von Öl und Gas gelitten hat, will es sich wirtschaftlich breiter aufstellen. Vorbild: Deutschland und Industrie 4.0.

Seit dem Frühjahr 2017 ist es amtlich: Die Norweger sind das glücklichste Volk der Welt. Das sagen zumindest die Vereinten Nationen in ihrem „World Happiness Report„. Kriterien für das Ranking, das Forscher von der New Yorker Columbia University regelmäßig gemeinsam mit internationalen Experten erheben, sind neben dem Bruttoinlandsprodukt und dem Grad der Arbeitslosigkeit, die Lebenserwartung, die sogenannte geistige Gesundheit, die Selbstwahrnehmung der Einwohner sowie die Ausprägung und Stärke des sozialen Umfelds, aber auch das Vertrauen in Regierung und Unternehmen. Überraschend an der Erhebung: Norwegen hat mit schwächer werdenden Ölpreisen und damit geringeren Staatseinnahmen zu kämpfen. Rund 50.000 Arbeitsplätze sollen aufgrund des Ölpreisverfalls weggefallen sein. Aber in Norwegen habe man sich entschlossen, die Vorkommen nur langsam auszubeuten und die Gewinne in Zukunftsprojekte zu investieren. Dies gelinge nur, weil es in der Bevölkerung ein hohes Vertrauen, gemeinsame Ziele, Großzügigkeit und gute Regierungsführung gebe, so die Glücksforscher. Das Fundament des norwegischen Wohlstandes sind die Einnahmen aus der Förderung von Öl und Gas. Durch den Preisverfall beim Rohöl bekam dieses Fundament Risse. Risse, die auch einen Denkprozess angestoßen haben, der weg von der traditionellen Abhängigkeit führen soll. Norwegen soll innovativer, smarter und grüner werden.

 

Nur Innovativer? Nein: Industrie 4.0!

Norwegen soll nach dem Willen der Regierung eine der führenden Industrie- und Technologienationen werden. So liest sich denn auch das Weißbuch (norwegisch), das explizit Deutschland und seine Industrie 4.0-Stratgie als Vorbild nennt. Und damit sind auch Kooperationen mit deutschen Unternehmen und mit dem Netz der Industrie- und Handelskammern gemeint. Damit bieten sich den Unternehmen, die mit Industrie 4.0 vertraut sind neue Möglichkeiten auf dem norwegischen Markt. In Norwegen sollen nach den Aussagen im Weißbuch zukunftsorientierte Produktionsformen und die Entwicklung von „enabling technologies“ gefördert werden. Und: Der Kompetenztransfer zwischen unterschiedlichen Branchen, insbesondere vor dem Hintergrund der Umstellung der Offshore-Industrien soll weiter vorangetrieben werden. So zeigte sich, dass Technologien, die in der Ölindustrie genutzt wurden auch für die Aquakultur-Wirtschaft geeignet waren. Hier erzielte Norwegen in den zurückliegenden Jahren immer neue Rekorde. Für den CEO des Norwegischen Forschungsrates, John-Arne Røttingen, ist das Weißbuch ein Beleg dafür, dass die Regierungsverantwortlichen die Instrumente der Forschungs- und Technologiepolitik aktiv nutzen wollen und auch über Steuerpolitik gerade forschungsintensive Start-up-Firmen fördern will.

Nur Grün? Nein: Nachhaltig!

Der Klimawandel wird in Norwegen ernst genommen. Oslo hatte im Januar 2017 das getan, worüber in Kommunen in Deutschland aktuell heiß debattiert wird. Oslo verhängte für zwei Tage wegen Smogwetter ein Fahrverbot für Dieselfahrzeuge in der Innenstadt. Und damit nicht genug. Laut dem amtlichen Transportplan der norwegischen Regierung sollen ab 2025 gar keine fossil betriebenen Fahrzeuge mehr neu zugelassen werden. Dafür wird die Elektromobilität gefördert. Die Elektrofahrerinnen und -fahrer können an 7.000 öffentlichen Ladesäulen kostenlos parken und aufladen, sie können Mautstraßen und Fähren gratis nutzen und dürfen auf die Busspur ausweichen. Elektromobile werden bei den Importsteuern bevorzugt, so dass sie in der Anschaffung oft günstiger sind als Autos mit Verbrennungsmotor. Norwegen hat keine eigene Autoindustrie und damit sind auch keine inländischen Arbeitsplätze gefährdet, was das Konfliktpotential verringert. Die Regierung lässt sich dieses Programm aber jährlich rund 400 Millionen Euro kosten.

Vom konsequenten Ausbau der Elektromobilität profitieren die deutschen Automobilhersteller und -zulieferer. Die Zahl der zugelassenen reinen Elektroautos und plug-in-Fahrzeuge beläuft sich mittlerweile auf über 130.000. Siemens errichtet für den ersten Elektro-Überlandbus in Drammen eine Schnellladestation und war mit der Antriebstechnik am ersten elektrisch betriebenen Fischkutter beteiligt. Seit 2015 ist „Ampere“, die erste vollelektrische Fähre der Welt in Betrieb, auch hier hatte Siemens das Antriebssystem geliefert. Im Bereich Infrastruktur sind Hidden Champions sehr erfolgreich. So liefert die Herrenknecht AG, Schwanau, die Tunnelbohrmaschinen für den Bau des Follo-Tunnels. Der Transportplan hat aber noch einen weiteren Effekt. Die Regierung hatte Infrastrukturmaßnahmen, wie den Bau von Straßen, Brücken und Tunnels sowie die Investition in Flughäfen oder Krankenhäuser intensiviert. Mit Blick auf die Nachhaltigkeit beschränkt sich Norwegen eben nicht nur auf die Mobilität. Auch die Rolle der Industrie soll ihren Beitrag im Übergang zu einer Niedrig-Emissions-Gesellschaft leisten. Effizienzsteigerung auch durch Digitalisierung hat hier ihre Bedeutung.

Digitale Transformation in Norwegen – ein langer Weg und bekannte Muster

Aber wie weit ist Norwegen mit der Digitalisierung und Industrie 4.0? Die Unternehmensberatung Roland Berger hatte Norwegen im Jahr 2015 mit Blick auf Industrie 4.0 als Potentialist eingestuft. Mit ausgeprägten Fähigkeiten Industrie 4.0-Technologien einsetzen zu können, aber mit einem noch geringen Anteil am BIP. Mit Blick auf die anderen skandinavischen Länder liegt Norwegen in dieser Aufstellung damit deutlich hinter Schweden und Finnland zurück, die bereits zur Gruppe der Vorreiter gezählt worden waren. Heute hat Norwegen dieselben Probleme wie alle Industrie 4.0-Nationen: Der Fokus liegt auf Effizienzgewinnen und weniger darauf, neue Geschäftsmodelle zu finden und zu implementieren. Das ist belegt auch das Ergebnis einer Befragung von rund 600 Führungskräften, die das Unternehmen Questback im Auftrag von Siemens Norge im Sommer 2017 durchgeführt hatte. Darin geben drei Viertel der befragten Führungskräfte an, dass die Digitalisierung in den kommenden Jahren von wesentlicher Bedeutung für eine stärkere Wettbewerbsfähigkeit der norwegischen Unternehmen sei. Und: Ebenso viele Unternehmen verbinden die Digitalisierung primär mit der Automatisierung. Ein Problem, das Norwegen mit anderen Industrieländern teilt, wie die Diskussion in Deutschland zeigt.

Unabhängigkeit von Öl fördern

Die ehemalige HP Managerin und jetzige Chefin der norwegischen Innovationsagentur Anita Krohn Traaseth. Auftrag: Innovation jenseits von Öl und Gas. (Quelle: InnovationNorway/ Tom Hansen)

Dass Norwegen noch einige Aufgaben zu erledigen hat, stellte auch jüngst die OECD fest. Um die Wirtschaft unabhängiger von Öl und Gas und damit robuster und diversifizierter zu machen, erfordere ein gut aufgestelltes Innovationssystem. Hier habe Norwegen vor allem in der Hochschulforschung noch Nachholbedarf vor allem gegenüber den nordischen Nachbarn. Um hier voranzukommen, hatte man die ehemalige Chefin von Hewlett-Packard Norwegen, Anita Krohn Traaseth, geholt und sie mit der Leitung der Innovationsagentur (Innovasjon Norge) mit rund 700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern betraut. Aufgabe: Innovationen fördern unter einer Bedingung, ohne Öl. Die in anderen Industrienationen sich erst etablierende Cluster-Bildung und -Unterstützung hat allerdings in Norwegen bereits Tradition und kann so eine stabile Basis für die Innovationspolitik bilden.

Nicht nur wegen des aktuellen Wahlausganges und der bestehenden Verbindungen von Österreich und Deutschland zu Norwegen lohnt der Blick in den Norden. Norwegen wird als Gradmesser für Digitalisierung und Innovation bedeutend sein. Und das auch deswegen, weil es eine junge und wachsende Gesellschaft ist. Im Jahr 2030 soll Norwegen nicht nur eine emissionsfreie Gesellschaft sein. Im Jahr 2030 soll Norwegen 5,9 Millionen Einwohner haben. Das entspricht einem Zuwachs von fast 15 Prozent gegenüber 2015, eine höhere Geburtenrate einerseits und andererseits die verstärkte Zuwanderung werden diesen Trend befördern. Und unabhängig vom Anwachsen der älteren Kohorten: Norwegen wird im Jahr 2030 zu den fünf jüngsten Gesellschaften in Westeuropa zählen.

Die Parlamentswahl zum Storting 2017

Der große Verlierer ist die Sozialdemokratie, aber auch alle Parteien, die an der konservativen Minderheitsregierung direkt oder über die Duldung beteiligt waren, haben verloren. Trotzdem hat diese Konstellation des konservativen Blocks 88 der 169 Mandate im Storting, dem norwegischen Parlament, erreicht. Das vorhergesagte Kopf-an-Kopf-Rennen hat die konservative „blau-blaue“ Koalition aus konservativer Rechte (Høyre) und rechtspopulistischer Fortschrittspartei (Fremskrittspartiet) trotz leichter Verluste für sich entschieden. Die bisherige Regierungschefin Erna Solberg will die Mi

Die konservative Ministerpräsidentin Erna Solberg. (Quelle: Høyre/Thomas Moss)

nderheitsregierung aus ihrer konservativen Høyre und der rechtspopulistischen Fortschrittspartei weiterführen. Wie in den vergangenen vier Jahren setzt sie dabei auf die Zusammenarbeit und Duldung der Christdemokraten (KrF) und der Liberalen (Venstre). Aber einfach wird es trotz dieser rechnerischen Mehrheit künftig nicht werden. Viele Beobachter hatten vorhergesagt, dass die Fortschrittspartei an einer Regierungsbeteiligung in der zurückliegenden Legislaturperiode zerbrechen würde. Das ist nicht geschehen. Im Block der Regierungsparteien bzw. der beiden unterstützenden Parteien hat die Fortschrittspartei die geringsten Verluste zu verzeichnen. Die Parteichefin Siv Jensen hatte in der Wirtschaftskrise als Finanzministerin auch Kritiker überzeugen können. Aber zur Fortschrittspartei gehört eben auch die andere Seite der Medaille, die der restriktiven Ausländerpolitik. Die Christdemokraten haben bereits verlauten lassen, dass sie eine Regierung mit Beteiligung der Fortschrittspartei nicht mehr unterstützen würden. Das schwächt die zu erwartende Minderheitsregierung, die sich jeweils neue parlamentarische Mehrheiten suchen muss.

Enttäuscht waren auch die Grünen, als einzige Partei, die sich explizit gegen die weitere Erschließung von Öl- und Gasvorkommen ausgesprochen hatte. Die Erschließung neuer Ölfelder selbst in sensiblen Regionen bei den Lofoten oder in der Arktis wird demnach weitergehen, was Solberg mehrfach angekündigt hatte. Auf der anderen Seite diskutieren Experten in Norwegen das Phänomen, dass alle Parteien, die sich für die Ölförderung stark gemacht hatten, verloren haben. Der sich erholende Ölpreis und die bessere Wirtschaftslage verschaffen in der Transformation etwas Luft, aber sie bleibt vor allem wegen der bereits beschlossenen Klimaziele auf der Agenda. Die Bewahrung von Umwelt und Natur haben nicht nur die Grünen im Programm, sondern andere kleine Parteien ebenso, wie die Zentrumspartei. Die Zentrumspartei (SP) ist in dieser Wahl die eigentliche Gewinnerin. Hauptauftrieb dürfte sie aber weniger durch Wirtschafts- und Umweltpolitik, sondern durch ein innenpolitisches Thema nämlich der Reform von Gebietskörperschaften bekommen haben. Der Blick nach Norden ist damit nicht nur wegen Industrie 4.0 interessant.

 

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Bildnachweis:

Titelbild: Die Außenhandelskammer AHK Norwegen treibt das Thema Industrie 4.0 voran, wie hier bei einer Konferenz Mitte 2017. (Quelle: AHK Norwegen)

Bild: Chefin der norwegischen Innovationsagentur Anita Krohn Traaseth (Quelle: InnovationNorway / TOM HANSEN)

Bild: Alte und neue Ministerpräsidentin Erna Solberg. (Quelle: Høyre/Thomas Moss)

Texthinweis:

Der Text ist eine Zusammenfassung und Ergänzung zweier Beiträge für das österreichische Industriemagazin Factory.

Norwegen: Wie Industrie 4.0 die Wahlen prägt – factorynet AT

Wie Norwegen zum Gradmesser der Digitalisierung wird – factorynet AT