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Preisverdächtige Sensorik für Retrofitprojekte

Von Isabell Reuter

Etablierte und große Industrieunternehmen schenken sogenannten Start Ups immer mehr Beachtung, wird ihnen doch das entscheidende Potential zugeschreiben Industrien zu verändern. Ein solches Unternehmen kommt aus Österreich. Endiio ist einer der zwei Gewinner des diesjährigen VDMA Start Up Preises. Insgesamt hatten laut Branchenverband VDMA 44 Unternehmen am Wettbewerb teilgenommen. Das Start Up aus Wien entwickelt Sensortechnik und dazugehörige Software Lösungen. Doch das machen viele andere Anbieter auch. Markus Dorn, Vice President Product Management und Sale von endiio, sieht aber eindeutige Unterschiede bei der Neuheit der endiio Retrofit Lösung, wie er auf der SPS/IPC/Drives erläuterte.

Markus Dorn, der VP Product Management und Sale von endiio. Bild: Reuter

„Ein wichtiger Aspekt ist die Nachrüstbarkeit“, erklärt Dorn. Unabhängig von Alter und Typ der Maschine, kann das endiio System nachträglich installiert werden. Das endiio System besteht zunächst aus der Hardware, der Retrofit- Box. Diese Box wird an der Maschine befestigt und misst Dinge wie Temperatur, Feuchtigkeit oder Vibrationen. Diese Daten werden dann kabellos und in Echtzeit an ein Cloud- Überwachungsportal  übertragen und können vom Maschinenbetreiber ausgewertet werden. Dorn betont die Vorteile von kabelloser Anbindung: „Kabel sind bei einer Nachrüstung oft schwer zu verlegen und zudem wartungsintensiv.“

Software-Updates kommen aus der Luft

Die Lösung von endiio ist, laut Hersteller, komplett wartungsfrei. Die Retrofit- Boxen werden einmalig an den Maschinen angebracht. Software Updates „kommen aus der Luft“, so Dorn. Updates können also ebenfalls kabellos auf die Boxen übertragen werden. Experten sehen bei kabelloser Übertragung von Daten aktuell noch Probleme. „Egal ob WLAN, Mobilfunknetze oder Bluetooth, die heutigen drahtlos Technologien sind noch nicht zu 100 Prozent zuverlässig“, erklärt Dr. Andreas Müller von der Robert Bosch GmbH. Seiner Meinung nach, seien Übertragungen von großen Datenmengen erst in Zukunft mit der Einführung von 5g möglich. Dorn stimmt dem zu, betont aber, dass das patentierte Funkverfahren endiio trotzdem zuverlässig funktioniert. „Wir haben keine großen Datenmengen, welche auf die Cloud übertragen werden müssen.“ Damit spricht Dorn einen weiteren Vorteil von endiio an. Die Retrofit- Boxen nehmen nicht ständig Daten auf und senden daher auch nicht ständig. Je nach Programmierung erfassen die Boxen Daten zyklisch, algorithmisch oder auf individuellen Wunsch des Betreibers. Dadurch sind viel weniger Daten vorhanden, die problemlos über das Funkverfahren übertragen werden können.

Doch nicht nur die Datenmenge wird reduziert, sondern auch der Stromverbrauch. Dadurch, dass die Retrofit- Boxen nicht ständig arbeiten, verbrauchen sie relativ wenig Energie. Doch das ist nicht alles: die Boxen kommen komplett ohne externe Stromversorgung aus. „Jede Box hat einen  Energy Harvester, also ein Minikraftwerk“, erklärt Dorn. Die Box generiert elektrische Energie aus Vibrationen oder Umgebungstemperatur. Diese Energie versorgt einerseits die Box, kann aber auch eingespeist werden, sobald ein Überschuss entsteht. Zusätzlich sind einige der Boxen noch mit Solarzellen ausgestattet, die Sonnenenergie zum Generieren von Strom nutzen.

Die Retrofit Box misst die Vibrationen dieses Antriebes. Foto: Reuter

Den Anwendungsbereich der Retrofit- Lösung beschreibt Dorn als „vielfältig“. Besonders naheliegend ist es, Antriebe mit Retrofit- Boxen auszustatten. Antriebe sind oft nicht besonders teuer und können ohne großen finanziellen Aufwand ausgetauscht werden, vorausgesetzt ein Defekt wird früh genug bemerkt. Endiio setzt stark auf „Vorsorge statt Notfallmedizin.“ So erkennt die Retrofit- Box beispielsweise starke Vibrationen eines Antriebes, sendet die Daten über die Cloud, der Betreiber wertet die Daten aus und erkennt, dass der Antrieb nicht mehr störungsfrei arbeitet. Er kann sofort reagieren, ohne dass Ausschuss entsteht, oder die Produktion für längere Zeit gestoppt werden muss. Dorn ist es wichtig, dass „konkrete Anwendungsfälle gelöst werden.“ Die Kunden für seine Retrofit- Lösungen sieht er deswegen nicht nur im Bereich des Maschinenbaus, sondern auch in anderen Produktionsfabriken, wie beispielsweise Sägewerken. Die Reichweite, über die die Boxen senden, können beträgt circa 100 bis 150 Meter. Das klinge nicht nach besonders viel, sagt Dorn, für die meisten Fabriken sei es aber genug. Durch die Verknüpfung von mehreren Boxen, lasse sich die Reichweite gegebenenfalls sogar noch erhöhen.

Bezahlen mit Daten

Bleibt noch die Frage nach den Kosten. Eine Box kostet grundsätzlich circa 500 Euro, abhängig davon, um welche Ausführung es sich handelt. „Das mag erst einmal sehr teuer klingen, doch in den Boxen steckt auch viel drinnen“, erklärt Dorn. Sein Ziel ist es allerdings, das Geld eher mit der Software zu verdienen. Wenn ein Unternehmen sich für die Retrofit- Lösung entscheidet, wäre Dorn bereit, die Hardware in Form der Boxen umsonst zu geben und stattdessen Geld für die Software zu verlangen. Denkbar wäre, laut Dorn, auch ein monatlicher Beitrag von 50 Euro pro Box. „Interessant wäre für uns auch die Bezahlung pro Datenabfrage“, erklärt Dorn.

„Es gibt noch ein Projekt, welches wir eigentlich durch Zufall entdeckt haben“, verrät Dorn. Die Rede ist vom Einsatz der Technologien im Bereich von Transformatoren. Transformatoren erzeugen ein starkes elektromagnetisches Feld, das sich negativ auf kabelgebundene Lösungen auswirkt. Die Kabel lassen sich zum Einen schlecht verlegen und sind zum Anderen anfällig für Defekte. Doch auch kabellose Methoden in elektromagnetischer Umgebung seien oft schwierig, erzählt Dorn. Die Wellen stören die Übertragung von Daten über herkömmliche Wege, seien es Bluetooth oder WLAN. Die Entwickler von endiio haben dennoch einen Versuch gestartet und eine Retrofit- Box an einem Transformator angebracht. Diese Box sendet nun seit sechs Monaten zuverlässig. „Wir werden das weiter beobachten“, sagt Dorn, „für uns ist der Einsatz im Bereich von Transformatoren sehr vielversprechend.“