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Auf der Suche nach der „Society 5.0“

Die Bilanz der Hannover Messe 2017 lässt Automatisierer, Robotik-Hersteller und auch die Softwarebranche zufrieden auf das Projekt Industrie 4.0 blicken. Verbände resümieren denn auch erneut, dass die Industrie 4.0-Readiness gestiegen sei. Ein gewisser – durchaus wohltuender – Pragmatismus scheint Einzug gehalten zu haben. Die Bilder von humanoiden Robotern oder martialischen Ausfertigungen, die an Transformer erinnerten, sind abgelöst durch die Rückkehr der Knickarmrobotik oder Roboter wie Pepper mit Kindchenschema. Ein Faktor ist aber unverändert: die nahezu ausschließliche Fokussierung auf Effizienzsteigerung.

Industrie 4.0 + Society 5.0

Die Messe Cebit liegt gerade einmal vier Wochen zurück. Dort hatte der japanische Ministerpräsident Shinzo Abe in seiner Eröffnungsrede das Regierungsprogramm für die Society 5.0 skizziert. Das meint die Entwicklung Japans zur „Super Smart Society“. Ein Programm, das Digitalisierung in ihrer disruptiven Bedeutung für die gesamte Gesellschaft betrachtet und als Ansatz für die Bearbeitung der sogenannten Grand Challenges sieht. Ministerpräsident Abe hatte an Bundeskanzlerin Angela Merkel seinerzeit auch die Anregung adressiert, die Kompetenzen aus Industrie 4.0 und Society 5.0 künftig zu verbinden. Nur leider suchte man auf der Hannover Messe diese Überlegungen zu gesellschaftlichen Auswirkungen von Digitalisierung und Industrie 4.0 vergeblich. Der Diskurs um Arbeit 4.0 wird zwar geführt, der Gestaltungsdiskurs Industrie 4.0, die Aufgabe Gestaltungsöffentlichkeiten zu konturieren wird aber nicht wahrgenommen.

Die Debatte um Digitalisierung scheint denn auch in den einzelnen Feldern eingeschlossen zu sein. Gunnar Sohn bemängelt das Fehlen von Utopien und diagnostiziert einen Zustand der „Digitalisierung im Wartesaal des Denkens“. Natürlich hat der Begriff Industrie 4.0 für die Diskussion um Digitalisierung – vor allem im produzierenden Gewerbe – viel geleistet. Allerdings hat der Begriff auch die Fokussierung auf die alten Paradigmen der Effizienzsteigerung gefestigt und leider nicht transformiert. Effizienzsteigerung darf aber nicht verwechselt werden mit Weitsicht, Vision oder gar Utopie. Effizienz orientiert sich an einer kurzfristigen Verbesserung, die eine Entwicklung eher fortschreibt denn visionäre Impulse setzt. Das Denken endet zu oft am eigenen Werktor, wie Andreas Syska bemängelt. Industrie 4.0  ist somit eher ein naiver Traum und keine Vision. Dabei ist die Konzentration auf Bewährtes wie Effizienz durchaus verständlich. Vor allem angesichts von zunehmender Dynamik von Wirtschafts- und Technologieentwicklung und damit wachsender Unsicherheit, steigender Volatilität und Ambivalenzen. Vverständlich aber deswegen nicht gleichermaßen hilfreich. Es fehlt die Utopie, wie Gunnar Sohn sagt, oder der Blick über das Werkstor hinaus, wie Andreas Syska einklagt.

Humanzentrierte Gesellschaft 4.0

Industrie 4.0 muss als soziotechnische Zukunft verstanden und diskutiert werden. Die Auswirkungen auf andere Gesellschaftsbereiche müssen wahrgenommen, bewertet und besprochen werden. Hier zeigt sich aber ein Paradox, das es aufzulösen gilt. Wie die Soziologin Petra Schaper-Rinkel richtig aufzeigt, befördert Digitalisierung auch den Trend zur Individualisierung. Individualisierung ist ein Phänomen der Moderne. Damit einher geht aber die Aufgabe für das Individuum, selbst und – angesichts der Dynamisierungeffekte – atemlos an der kurzfristigen Sicherung seiner eigenen nahen Zukunft zu arbeiten. Der Blick über den Tellerrand, die Vorstellung davon wie Leben, Arbeiten und Wirtschaften vorstellbar und auch wünschenswert gestaltet werden kann ist demzufolge schwierig. Visionen oder gar Utopien als Entwurf eines Anderen setzt voraus, dass Zukunft ent-priviatisiert wird und damit im gesellschaftlichen Diskurs Zukünfte entwickelt und verhandelt werden können. Das bedeutet auch für Industrie 4.0: Das Konzept hat nur dann eine Chance auf Erfolg, wenn die großen Fragen jenseits des Werkstores gestellt werden – d.h. wie die Grand Challenges bewältigt werden sollen. Syska fordert eine humanzentrierte Gesellschaft 4.0, die an die Stelle der technikzentrierten Industrie 4.0 tritt.

Super Smart Society

Die Anregung von Japans Ministerpräsident Abe, Industrie 4.0 und Society 5.0 zusammenzubringen kann der Impuls sein, der der deutschen Debatte noch gefehlt hat. Digitalisierung in der Industrie war lange nicht im Bewusstsein, bis der Begriff Industrie 4.0 den Zugang für viele Governance-Akteure ermöglicht hat. Für die Aufmerksamkeit von Medien und Politik war dies sehr hilfreich. Jetzt ist es dringend notwendig nicht noch ein „4.0“ in die Reihe von Industrie 4.0 und Arbeit 4.0 zu stellen und damit „4.0“ als Chiffre für alle ungeklärten Fälle der alten Industriegesellschaft zu setzen, wie Wolf Lotter treffend formuliert. Also noch ein Begriff Society 5.0, der Politik, Medien und Gesellschaft beschäftigen soll?  Ja, wenn der Begriff hilft die 4.0-Diskurse hinter und vor den Werkstoren zu verbinden.

Zumindest das japanische Regierungsprogramm nimmt die Herausforderungen in den Blick, die modernen Industriegesellschaften bevorstehen. Society 5.0 zielt laut der eigenen Darstellung eben nicht auf die Produktivität, sondern soll helfen, gesellschaftliche Themen zu bearbeiten. Dass dabei tiefgreifende Änderungen erforderlich sind, geht aus dem Programm deutlich hervor. „To create such a society, we must eliminate barriers in five areas: ministries and agencies, legal systems, technology, human resources, and public acceptance.“ Also: Es gilt den Gestaltungsdiskurs zu erweitern. Oder vielleicht ernst zu nehmen, dass Digitalisierung in allen 4.0-Facetten gesellschaftlich gestaltet werden muss.

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